Die Ketten der Massai
Mit Fliesen hat es gar nicht angefangen. Georg Steuler denkt zunächst nicht an so etwas, als er 1908 den weltweit ersten säurebeständigen Kitt erfindet und damit den Grundstein für die Steuler Industriewerke in Höhr-Grenzhausen legt. Als er 1916 aus einer Konkursmasse ein Industrie-unternehmen für Ziegelprodukte in Mühlacker angeboten bekommt, greift er zu. Georg Steuler, der sich bis dato ausschließlich mit Säureschutzbau beschäftigt hat, stellt nach und nach auf die traditionelle Herstellung von Fliesen um. Es werden vorwiegend weißscherbige Fliesen produziert, oft bemalt oder mit Kupferdruck-Motiven gestaltet, – dabei auch sehr schöne Jugendstilserien.
Im Zweiten Weltkrieg stoppen die Nationalsozialisten die Kohlebezüge für das Werk, die Fliesenproduktion muss eingestellt werden. Erst 1952 nimmt sie Norbert Steuler, Sohn von Georg Steuler, wieder auf, nachdem er ab 1948 erfolgreich begonnen hatte, Kaffee- und Speisegeschirr zu produzieren.
Ausgelöst durch den rasant ansteigenden Bauboom, stellt man in Mühlacker ab Ende der 1950er Jahre nur noch Fliesen her. Steuler Fliesen zeigt sich schon damals als sehr innovatives Unternehmen. So werden hier die in Deutschland ersten Sprühtrockner zur Herstellung der Fliesen-Pressmasse aufgestellt – ein Quantensprung in der Produktionssicherheit und Qualität.
1969/70 setzt Steuler die ersten Einbrand/Schnellbrandöfen ein, die die Durchlaufgeschwindigkeit erheblich erhöhen. Damit sichert sich das Unternehmen einen Wettbewerbsvorsprung. Die wegen ihrer besonderen Glasurtechnik einmalige Fliesenserie „Opera” wird in großen Mengen verkauft.
Aber Mitte der 1970er Jahre kommt die Konkurrenz aus Italien mit modernen Rollenöfen, italienischen Designs und ausgefallenen Formaten. Die erste Energie-Krise tut das Übrige.
Steuler sieht sich gezwungen, Ende der 1970er Jahre den Unternehmensbereich Fliesen grundlegend zu sanieren: Umstellung auf energiesparende Rollenöfen, Verringerung der Fliesenmengen, hin zum hochwertigen Markt. Und das Wichtigste: ein völlig neues Fliesenprogramm.
In einer Zeit, in der beigefarbene und moosgrüne Fliesen mit Blümchendekoren den Markt und die Bäder beherrschen, wagt es Steuler Anfang der 1980er Jahre, ganz neue Wege zu gehen. Und diese Entscheidung erweist sich als goldrichtig. Weiße Fliesen mit grafischen Designs – bunten Linien, Strichen und Punkten. Die Serien erscheinen unter dem Namen „Das Junge Bad”. Die bekannteste ist „Miko” mit buntem Stäbchendekor. Es ist ein Erfolgrezept. Die Umsätze entwickeln sich nach oben.
Von da an werden die Design- und Technik-Innovationen immer spektakulärer. So entwickelt Steuler als weltweit erster 1987 Fliesen, in die Öffnungen geschnitten werden für Einlegeschmuckteile aller Art, zum Beispiel aus gegossener Keramik, aber auch aus Holz, Edelstahl und Kunststoff. Möglich ist das mit einem Hochleistungslaser, der bis dahin nur in der Metallverarbeitung bekannt ist.
Und Steuler entwickelt sich schnell zum innovativsten deutschen Fliesenhersteller. Ungewöhnliche Formate, die schwer zu produzieren sind und an die sich andere Hersteller nicht wagen. Keramische Poster im Großformat für Künstlereditionen von Andy Warhol, Kitty Kahane, Picasso oder Janosch. Steuler ist auch der Erste, der Fliesen leuchten lässt – mit integrierten LED-Bändern und -Elementen.
So überrascht Steuler Fliesen immer wieder mit aufsehenerregenden Innovationen und einer sehr guten Nase für Trends, beispielsweise mit Animalprint bei „Wild Thing Daktari”, Betonfliesen oder Fliesen mit Kristalloptik. Sehr erfolgreiche Serien, wie „Quak”, „Little Artists” oder „Bad Piraten” erobern das Junge Bad. Ungewöhnliche Glasurtechniken, wie „Lounge”, das wie Glas wirkt, überraschen ebenso wie „Origami”, – zu Fliese gewordene dreidimensionale Papierfaltkunst. Es ist nur logische Konsequenz, dass die Fliesen auch zahlreiche Designpreise holen.
Mit einem Umsatz von 293 Millionen Euro bestätigt die Steuler-Gruppe 2007 weiterhin den Aufwärtstrend. Sie fertigt in ihrem Unternehmensbereich „Fliesen” an vier deutschen Standorten moderne und exklusive Wand- und Bodenfliesen mit einem Gesamtvolumen von circa 20 Millionen m² pro Jahr. Steuler Design ist zum Synonym für ungewöhnliche Gestaltungskonzepte geworden und findet reißenden Absatz, auch in den USA und den jungen osteuropäischen Märkten.

