Ergebnisse des Mia Seeger Preis 2007
Beim Mia Seeger Preis für junge Designerinnen und Designer wählte die Jury aus 62 Produkteinreichungen fünf Preise aus, für die insgesamt 10.000 Euro ausgelobt waren. Vier weitere Exponate erhielten Anerkennungen.
Designerinnen und Designer von deutschen Hochschulen, die ihr Diplom in den Jahren 2005 bis 2007 absolviert hatten, waren zur Teilnahme eingeladen. Vertreten waren die Studiengänge Industriedesign / Produktgestaltung, Innenarchitektur / Möbeldesign, Architektur, Investitionsgüter- und Transportation Design. Neben den üblichen Designkriterien spielte bei der Bewertung der eingereichten Arbeiten der soziale Nutzen eine entscheidende Rolle.
Im Jahr 2007 war die Jury besetzt mit:
Prof. Karin Kirsch, Stuttgart
Heike Schnabel, Schnabel,Schneider Industrial Design, Schorndorf
Michael Daubner, Geschäftsführer Burkhardt Leitner constructiv GmbH, Stuttgart
Tom Schönherr, Phoenix Design, Stuttgart
Mia Seeger als „Grande Dame” des Designs rief bereits 1986 die nach ihr benannte Stiftung ins Leben, deren Zweck die umfassende Förderung von Design als Teil von Wirtschaft und Kultur ist. Mit der Absicht, insbesondere den Nachwuchs im Design zu fördern, wird der Mia Seeger Preis jährlich bundesweit ausgeschrieben. Preise und Anerkennungen beim Mia Seeger Preis sind hervorragende Referenzen für junge Designer, die unter anderem den Weg in den Berufseinstieg ebenen können.
Und dies war die Ausschreibung (PDF)
Ergebnisse des Mia Seeger Preis 2007
1. Preis: P’gasus – Alternative zum Rollstuhl

Entwurf
Steffen Ganz s.ganz@googlemail.com, Muthesius Kunsthochschule Kiel
Betreuung
Prof. Ulrich Hirsch, Porsche Design Studio, Otto Bock Healthcare
Aufrecht, fast stehend kann der Querschnittsgelähmte mit diesem Gerät sich bewegen. Vom einachsigen Roller (Segway) stammen Balancetechnik und der Antrieb mit zwei elektrischen Nabenmotoren, hier aber kombiniert mit einem Armhebelantrieb. Über einen Fingerring mit Trackball lässt sich die Fahrtrichtung steuern. Sitzhöhe, Winkel zwischen Lehne und Sitz und Hilfsfunktionen werden an zwei Displays eingestellt. Wenn die Elektrik ausfällt, fährt ein Notrad aus, P’gasus sinkt auf die Sitzposition zurück und wird wie ein üblicher Rollstuhl bewegt.
Jury
Aufrecht sich zu bewegen ist dem Behinderten, seelisch wie körperlich, weit zuträglicher als im Rollstuhl zu sitzen. Hier ist eine Mobilität erreicht, die der des Fußgängers sehr nahe kommt. Das gelingt mit aktueller Servo- bzw. Robotertechnik. Auch Struktur, Materialwahl und Formensprache stärken das Selbstwertgefühl und die Integration des Benutzers in den Alltag.
Dieser Preis wurde mit 4.000 € honoriert.
2. Preis: nextep – Beinprothese
Entwurf
Jannis Breuninger jannis-b@gmx.de, Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd,
Betreuung:
Prof. Gerhard Reichert, Rainer Saverschek und Ralf Becker, Fraunhofer IPA
Die Studie lotet aus, was im Prothesenbau mit generativen Fertigungstechniken, hier selektives Lasersintern, möglich ist. Schaft und Bein werden mit den am Stumpf und am gesunden Bein digital abgenommenen Daten direkt am Computer konstruiert. Im Kniebereich ist Platz gelassen für ein monozentrisches Gelenk, das mit unterschiedlicher Steuerungstechnik angeboten wird. Der Fuß ist so ausgelegt, dass er beim Auftreten ausreichend dämpft, die Energie nach vorne leitet und sie beim Abknicken und Abheben dann wieder in den Beinschwung zurückgibt.
Jury
Zu erwarten war, dass Rapid Manufacturing für die individuelle Anpassung der Prothese an den Patienten enorme Vorteile bringt. Darüber hinaus ist es gelungen, das Beinvolumen darzustellen, ja mehr noch, das Erscheinungsbild solcher Prothesen neu zu definieren, indem die organische Struktur des Beines gezeigt, nicht aber anatomisch imitiert wird.
Dieser Preis wurde mit 3.000 € honoriert.
3. Preis: Crano Fixator – Cervikalorthese

Entwurf
Julia Hanisch rapunzel_jule@hotmail.com,
Timo Wurz t.wurz@web.de , Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd
Betreuung:
Prof. Frank Zebner und Michael Tinius, Busse Design Ulm
Der Crano Fixator ist aus dem Halo Fixator abgeleitet. Er dient der Behandlung von Genickbruchpatienten. Der Kopfring mit Schrauben ist hier durch ein helmartiges Druckpunktgitter ersetzt, das alle empfindlichen Stellen am Schädel ausspart und nach den CT-Daten im Rapid Prototyping-Drucker aus Duraform hergestellt wird. Flache, reduzierte Brust- und Rückenschilde mit geschwungenen Haltebügeln aus Karbon haben den Brustpanzer mit Metallgestänge abgelöst.
Jury
Das martialisch anmutende Gestängegerüst des Halo Fixators ist einem körpernäher geführten Bügelgestell gewichen. Die Komponenten schließen organisch aneinander an und sind, wo nicht individuell gefertigt, einfach dem Patienten anzupassen und anzulegen. Seine Beschwernis scheint doch deutlich erleichtert.
Dieser Preis wurde mit 1.000 € honoriert.
3. Preis: Mo.re – Reisebegleiter für Blinde

Entwurf
Sina Falker elektrum@gmx.net, Universität Duisburg-Essen
Betreuung:
Prof. Kurt Mehnert, Prof. Anke Bernotat
Mit magnetorheologischer Flüssigkeit unter Styroflex-Folie lassen sich durch Anlegen magnetischer Felder Reliefs erzeugen. Das ist die Grundidee für ein taktiles Display, das Sehbehinderte ertasten können. Ein gängiges Navigationssystem, verknüpft mit digitalen Reliefstadtplänen, einfachen Konturbildern, z.B. von Sehenswürdigkeiten und Textinformationen in Braille, gibt ihnen Orientierung in der Umwelt. Distanzkopfhörer für die Sprachbedienung und Tragetasche komplettieren das Gerät.
Jury
Mo.re verhilft Sehbehinderten zu einer räumlichen Vorstellung von ihrem Reiseziel und dem Weg dorthin. Damit fühlen sie sich unterwegs dann sicherer. Die Bedien-, Informations- und Interaktionsebenen des Geräts zeichnen sich durch deutlich unterschiedene Oberflächen und klar strukturierte Anordnung aus. Neben manch Praktischem bietet die Tasche ein ganz blindenspezifisches Feature: Nutzerin oder Nutzer können seitlich eingreifen und verdeckt lesen.
Dieser Preis wurde mit 1.000 € honoriert.
3. Preis: meta+ – Erste Hilfe

Entwurf
Petra Meisinger pe_m@gmx.de, Fachhochschule Coburg
Betreuung:
Prof. Wolfgang Schabbach, Therese Naef
Drei Produktkomponenten wirken mit dem Ersthelfer im Ernstfall zusammen: „Wissen” gibt ihm audiovisuelle Anleitung und verbindet ihn per Funk mit einer Rettungsleitstelle; „Defibrillator” belebt, im Datenaustausch mit „Wissen”, Herz und Kreislauf des Verunglückten; „Materialtasche” enthält, gruppiert nach Verletzungskategorien wie Verbrennung oder Blutung, geeignetes Verbandsmaterial. Die Komponente „Wissen” ist zugleich als ständiger Begleiter für Risikopatienten gedacht.
Jury
Ein sehr anspruchsvolles Konzept wird hier angegangen, in seiner Komplexität und Problematik ausführlich und detailliert durchdrungen und mit hoher formaler Qualität gelöst. Als Ausrüstung für vorgebildete Helfer überzeugt es. Auf dem Weg zu einer vernetzten „Community von Helfern und Hilfsbedürftigen” ist es vielleicht ein erster Schritt.
Dieser Preis wurde mit 1.000 € honoriert.
AnerkennungenVision Energy – Visualisierungskonzept

Entwurf:
Lena Billmeier lena_billmeier@gmx.de,
David Bauer david.baur@gmx.de,
Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd
Betreuung:
Prof. Gabriele Reichert, Doz. Alf Hackenberg, Prof. Dr. habil. Angelika Karger
Was eine Wohngemeinschaft, eine Gemeinde, eine Gesellschaft an Ressourcen verbraucht, ist den Betroffenen nur abstrakt bewusst. Dem will ein Ensemble von Skulpturen im öffentlichen Raum und „Ressourcensteinen” im Privatbereich aufhelfen, und zwar für die Themen Wasser, Strom, Transport und fossile Brennstoffe. Alle Plastiken reagieren mit Gestaltänderungen auf den gesellschaftlichen bzw. privaten Verbrauch.
Jury:
Ein beachtenswerter Versuch, mit sinnlich erfahrbaren Mitteln öffentliche Aufmerksamkeit bzw. individuelle Betroffenheit zu erzeugen, um endlich politische und private Verhaltensänderungen zu initiieren. Zwischen beidem stellen sich über formale Ähnlichkeiten und Unterschiede inhaltliche Zusammenhänge her. Für jede Energieart ist eine eigentümliche Formensprache gefunden.
FusE – Operationstrainer

Entwurf:
Yvonne Ackermann yve-ackermann@t-online.de ,
Hochschule für Gestaltung Schwäbisch Gmünd
Betreuung:
Prof. Frank Zebner, Jan Möller
An diesem Gerät üben sich Medizinstudenten in minimalinvasiven Operationstechniken, einschließlich flexibler und starrer Endoskopie. Der Korpus ist aus Schalen aufgebaut. Die oberste stellt die Bauchdecke dar. Im Inneren bildet eine reliefartige Schale die Organe ab; darunter die Hohlkörper von Magen und Darm. Sie sind mit LEDs bestückt, die zu treffen Ziel der Übung ist. Dabei lässt sich der Monitor in jede Position auf dem Vollkreis schwenken.
Jury
Wesentliche Verbesserungen gegenüber bisherigen Trainingsgeräten sind erreicht: es vereint in sich verschiedene Techniken, evaluiert den Trainingsfortschritt, bietet voreinstellbare Schwierigkeitsstufen, kann anatomische Besonderheiten darstellen. Die Zusammenarbeit mit der Uniklinik Tübingen und die Befragung von Medizinstudenten haben offensichtlich zu einem praxistauglichen Entwurf geführt.
Sustainable Water – Filtersystem

Entwurf:
Lars Mayer holidayonrice@hotmail.com,
Hochschule für Gestaltung Offenbach am Main
Betreuung:
Prof. Dieter Mankau und Prof. Dr. Martina Hessler
Der Wasserfilter besteht aus offenporigen Tongefäßen, verbunden mit Siphons aus glasiertem Ton und abgedichtet mit gefetteter Jute. Oben wird das unbehandelte Wasser eingefüllt. Beigegebener Samen vom Moringabaum fällt Bakterien, Mikroorganismen und Schwebeteilchen aus. Die Siphons, die gekrümmten Schläuche und das Sieb im untersten Behälter sorgen dafür, dass die Flüssigkeit ausreichend lange unterwegs ist und dabei moderat durchmischt wird, bis die Ausflockungen sich abgesetzt haben.
Jury
Der Entwurf für Länder der Dritten Welt setzt konsequent die Prinzipien der Nachhaltigkeit um. Das bedeutet in diesem Fall, dass die Nutzer das Produkt verstehen, selber herstellen, bedienen und instandhalten können. Alle Stoffe und Techniken zur Herstellung und zum Betrieb sind lokal verfügbar. Damit ließe sich ein Großteil des Gesundheitsproblems, Krankheiten aus mangelhafter Wasserqualität, lösen.
Pepastar – Spiel mit Papier

Entwurf:
Bruno Winter bcw@cloudfree.de,
Kunsthochschule Kassel
Betreuung:
Prof. Hardy Fischer, Prof. Oliver Vogt, Prof. Dr. Tanja Wetzel
Das Spiel fängt damit an, dass man sich von den vier unterschiedlichen Sternformen einen Vorrat an Exemplaren aus allerlei Papier ausstanzt. Die Sterne werden dann an ihren runden Spitzen ineinander gehakt, so dass flächige und räumliche Strukturen, offene oder geschlossene Figuren, regelmäßige oder amorphe Formen entstehen. Dabei geht das Herstellen des Baumaterials ins Bauen über, das Basteln ins Konstruieren – und immer wieder umgekehrt.
Jury
Der Spielwitz ist ein doppelter, erst die in den regelmäßigen 3- bis 6-Ecken begründete Polyeder- und Gittertheorie zu erkunden und dann sie freier und findiger zu erweitern durch eine Grammatik, in der die Grundformen gebogen, gefaltet, verdreht, gerollt, geknickt, zerknüllt werden. Der uralte Kulturstoff Papier gewinnt wortwörtlich neue Dimensionen.


