Auf Biegen und Brechen
Im Hause Burkhardt Leitner in Stuttgart ist man dabei, ein neues Messesystem zu entwickeln. Es soll stabil genug sein, um den Raum zu überspannen, aber trotzdem nicht zu voluminös und zu schwerfällig. Man nimmt als Basis ein Rundrohr und fängt mit dem minimalsten Durchmesser von 15 Millimetern an, erstellt Musterbauten und belastet sie auf Biegen und Brechen, um dann festzustellen, „dass das System zu früh kollabiert,” so Michael Daubner, der Geschäftsführer von Burkhardt Leitner constructiv.
Da erinnert sich Daubner, der leidenschaftliche Skifahrer und Tourengänger, an seine hochfesten und elastische Skistöcke, die er auf seinen Touren auch auf Biegen und Brechen einsetzt. In der Entwicklungsabteilung untersucht man sie und stellt fest, „dass es kein normal extrudiertes Rohr ist sondern in irgendeiner Form behandelt wurde, damit es stabil wird,” erklärt Michael Daubner. Er macht den Hersteller ausfindig, der die enorm stabilen Aluminiumrohre für die Skistöcke produziert. Bei dieser Technologie, die nicht viele beherrschen, wird ein 40 Millimeter dickes extrudiertes Rohr in verschiedenen Arbeitsgängen auf 20 Millimeter heruntergepresst. Dadurch verändert sich die molekulare Struktur des Aluminiums, verdichtet sich und wird so stabiler.
Abermals wird ein Musteraufbau – mit einem 17 Meter langen Träger – aufgebaut, der wieder auf Biegen und Brechen belastet wird: mit 25 Kilo schweren Sandeimern. Dabei ein Statiker, der überzeugt werden muss. Und – es hält.
Das Rohr eines Teleskopskisteckens, ein Edelstahl-Feinguss-Knoten, Diagonalverbände und ein lateinischer Name – Pon. „Ponere” heißt auf deutsch setzen, stellen, legen – und das neue Architektursystem constructiv Pon ist fertig: Leicht, äußerst stabil und tragfähig.
„Es ist ein synergetisches System. Jedes Teil in diesem Aufbau ist so dimensioniert, dass es gerade hält. Zum Beispiel der Stab ist auf Zug nicht auf Druck belastet, deshalb ist er so dünn. Der Knoten ist so ausgeformt, dass er Zug- und Druckkräfte optimal mit einander verbindet.” unterscheidet Michael Daubner seine Systeme von denen anderer.
Angefangen hat alles 1964, als der gelernte Schaufensterdekorateur und Werbegestalter Burkhardt Leitner, gerade mal zehn Tage volljährig, seine erste Firma, die Leitner GmbH Ausstellungssysteme, in Stuttgart gründet. Etwas später macht er den Schritt zum Systemdesign und entwickelt 1966 das erste Präsentationssystem: Leitner_1. Bald macht er sich im Messe- und Museumsbau einen Namen.
1991 der Wendepunkt: privat und beruflich. Er scheidet aus dem Unternehmen aus und legt eine Pause ein, die aber doch keine wirkliche ist, denn in dieser Zeit kommt ihm die Idee, einen Ring als Verbindungselement zu verwenden. Diese Idee bringt ihm nicht nur den Beinamen „Herr der Ringe” sondern veranlasst ihn auch dazu, am 1. Januar 1993 die Burkhardt Leitner constructiv zu gründen – der Neubeginn. 2001 übergibt er die Geschäfte an seinen langjährigen Mitarbeiter Michael Daubner.
Mittlerweile ist das orthogonale System Pon zu ganz neuen Dimensionen weiter- entwickelt worden. Die drei Varianten verlassen komplett das gewohnte Konstruktionsprinzip des rechten Winkels und fallen aus dem Lot. Das Ergebnis: kippende Räume, winkelfreie Fassaden und gebrochene Geometrien.
Und dem nicht genug: ein Messesystem, das sich bewegt und zu atmen scheint. Entstanden in Kooperation mit Festo, dem Innovationsführer weltweit in der Industrie- und Prozessautomatisierung. Festos bionischer Muskel – ein völlig neuartiger pneumatischer Antrieb – bringt die kippende Fassade in eine fließend-elastische Bewegung, so dass sich die bielastische Stoffhaut wie ein atmender Körper rhythmisch bewegt.
Burkhardt Leitner constructiv entwickelt heute modulare Architektursysteme für temporäre Bauten in den Bereichen Messe und Display, Office und öffentlicher Raum, Museum und Ausstellung. Sie zeichnen sich durch individuelle Gestaltungsmöglichkeiten und hohe Funktionalität aus, die auf logischen und selbsterklärenden Konstruktionsprinzipien basiert. „Konstruktiv ist sowohl unser gestalterischer Ansatz als auch die Arbeitsweise im Team,” erklärt Daubner, denn eine ganz grund-legende Rolle für den Erfolg spielt hier das Team, das aus Maschinenbauingenieuren, Designern, Geisteswissenschaftlern, technischen Zeichnern, Innenarchitekten und Architekten besteht.

